Die erste Nachhilfestunde

Ich hatte in meiner Karriere mittlerweile eine Menge „erster Nachhilfestunden“. Deshalb dachte ich mir, ich schreibe einmal auf, wie ich dabei vorgehe. Wenn ihr etwas anders macht, würde ich mich freuen, in den Kommentaren darüber zu lesen!

1. Vor der Stunde …

  • erfrage ich die wichtigsten Schülerdaten:
    • Alter / Klassenstufe
    • Schultyp (GY, RS, GS …)
    • verwendetes Schulbuch
    • aktuelles Thema
    • spezifische Probleme
    • Besonderheiten (Klassenwiederholung, lange krank gewesen, LRS …)

2. Ich packe in meinen Koffer … 

  • den Nachhilfe-Ordner (PDF) mit:
    • Schüler-Karteikarte für Daten und Noten,
    • Inhalte-Karte für behandelte Themen und Hausaufgaben,
    • Lernstand-Karte mit Problemen und Fortschritten des Schülers.
  • verschiedenfarbige Stifte.
  • Schreibblock.
  • Arbeitsmaterialien, z.B. Arbeitsblätter oder ein anderes Englischbuch.
  • ggf. Karteikarten in verschiedenen Farben.
  • Wenn man es professionell angehen will, kann man für den Schüler einen Schnellhefter und ein Nachhilfe-Heft mitbringen.

3. Anfang der Stunde: Gespräch mit dem Schüler

  • Kennenlernen: Man stellt sich vor, spricht über Hobbys und Interessen.
  • Die Fragen auf der Schüler-Karteikarte beantworten. Zum Beispiel:
    • alle Fragen aus 1.
    • Noten in die Karteikarte eintragen.
    • Selbsteinschätzung: Was kann der Schüler seiner Meinung nach (weniger) gut?
    • Situation in der Schule: Kommt er im Unterricht mit? Wie ist das Verhältnis zum Lehrer?
    • Lernverhalten: Wie viel Zeit investiert er in das Nachhilfefach? Wie lernt er Vokabeln?
    • Einsicht in Klassenarbeiten: Wenn möglich, sollte der Nachhilfelehrer einen Blick in alte Tests werfen und sehen, welche Fehler der Schüler dort gemacht hat.

4. Einstieg: Entscheidung, welches Thema man behandeln wird 

  • Der Nachhilfelehrer fragt, was aktuell im Unterricht behandelt wird. 
    • Wir schauen uns zusammen das Thema in Heft und Lehrbuch an.
    • Der Schüler erklärt das Thema mit eigenen Worten und stellt ggf. Fragen.
    • Hierbei sieht der Lehrer, wie der Schüler sein Heft führt: Sind die Einträge vollständig? Wurden die Hausaufgaben sorgfältig erledigt?
  • Als nächstes kommt die Frage an den Schüler: Was möchte er/sie heute lernen?
    • Der aktuelle Unterrichtsstoff hat Priorität.
    • Wenn es hier keine Fragen gibt, kann alter Stoff wiederholt werden.
    • Falls der Schüler keine Wünsche hat, bieten sich Aufgaben an, mit denen der Lehrer seinen Wissenstand überprüfen kann, z.B.
      • ein Lerncheck,
      • Übersetzungen,
      • Basisgrammatik (z.B. Sätze in verschiedenen Zeiten bilden)
      • selbst Texte verfassen
      • eine Fehlersuche: Fehler erkennen und korrigieren

5. Erarbeitung 

  • Erklärung: Zuerst werden offene Fragen geklärt. Man sollte dabei (stichpunktartig) die Erklärung schriftlich festhalten. Der Schüler sollte zu der Übersicht beitragen, sie möglichst selbst anfertigen. Wenn das zu schwierig ist, kann er eigene Beispielsätze finden.
    • Warum schriftliche Notizen? – Wahrscheinlich wird jeder das Problem kennen: Man hat ein Thema mühevoll erarbeitet, aber in der nächsten Stunde ist alles wie weggeblasen. Mit ein paar Notizen kann der Schüler das Gelernte leicht wiederholen.
  • Als nächstes wird das Thema mit Aufgaben eingeübt. Der Schüler sollte hier selbstständig und (zumindest teilweise) schriftlich arbeiten. Wenn die Aufgaben rein mündlich gelöst werden, entgehen dem Lehrer z.B. Rechtschreibfehler.
  • Korrektur: Der Lehrer lässt sich bei jeder Aufgabe kurz erklären, warum der Schüler diese Lösung gewählt hat. Im Idealfall erkennt der Schüler so schon selbst, wo er oder sie einen Fehler gemacht hat. Die Korrekturen sollten nicht mit Tintenkiller oder Radiergummi vorgenommen werden. Besser ist es, die Fehler mit einer anderen Farbe zu markieren und die richtige Lösung daneben zu schreiben.

6. Sicherung 

  • Der erste Bestandteil der Sicherung ist natürlich die angefertigte schriftliche Übersicht.
  • Der zweite Bestandteil sind die schriftlich bearbeiteten Aufgaben mit den korrigierten Lösungen.
  • Der letzte Bestandteil ist die Fehlerreflektion:
    • Der Schüler fasst zusammen, was in der Stunde behandelt wurde.
    • Er notiert sich, womit er Schwierigkeiten hatte.
    • Er gibt sich eine „Note“ dafür, wie gut er das Thema schon beherrscht.
    • Er setzt sich ein Ziel bis zur nächsten Stunde (z.B. „alle Signalwörter des simple past beherrschen“).
  • Es ist sinnvoll, im Nachhilfeheft oder -ordner eine Übersicht mit den gehaltenen Stunden, Themen und Hausaufgaben anzulegen – im Grunde wie ein Klassenbuch. Diese Übersicht sollte sowohl der Lehrer als auch der Schüler ausfüllen. So kann man nach einer Weile besser nachvollziehen, was bereits behandelt wurde.

7. Verabschiedung 

  • Der Lehrer wünscht dem Schüler einen schönen Tag / Erfolg in der Klassenarbeit / etc.
  • Er kann dem Schüler eine Hausaufgabe aufgeben, z.B.:
    • Die Mitschrift aus der Nachhilfe noch einmal zur Hand zu nehmen.
    • Sinnvolle, zusätzliche Aufgaben erledigen (eigenes Arbeitsblatt, Vokabeln aus Lektion 1 wiederholen, unregelmäßige Verben a-d lernen …).

8. Ein paar nützliche Tipps für die Nachhilfe allgemein

  • Die Anleitung oben ist ein Grundmuster, das man variieren sollte. Ein paar Ratschläge:
    • Schriftliche Arbeit ist wichtig. Trotzdem darf der Dialog keinesfalls zu kurz kommen. Bei mehreren Schülern ist Gruppen- und Partnerarbeit eine gute Idee.
    • Nicht nur Grammatik üben – das hilft vielleicht in grammatiklastigen Tests, aber das Englisch des Schülers verbessert sich so langfristig nicht. Alle vier Kompetenzen zu trainieren (Lesen, Schreiben, Hörverstehen, Sprechen – plus Mediation als fünfte) bringt auch Abwechslung.
    • Spielen im Unterricht ist keinesfalls Zeitverschwendung! Es kann den Stress lösen, den schwache Schüler mit dem Fach verbinden. Auch lernunwillige oder unkonzentrierte Kinder kann man mit einem Spiel aus der Reserve locken.
  • Dem Schüler Methoden vermitteln – zur Bearbeitung von Aufgaben (Analyse der Fragestellung, systematisches Herangehen an die Aufgabe, Selbstkorrektur) und zum Lernen an sich (z.B. Arbeit mit Vokabelkartei). Das bedeutet keine zusätzliche Arbeit – man sollte einfach immer darauf achten, dass die „Regeln“ eingehalten werden.
  • Ein wichtiges und problematisches Thema ist Wortschatz. Es ist die Krux beim misslungenen Hör- und Leseverstehen, und oft liegen sogar die vermeintlichen „Grammatikfehler“ daran, dass der Schüler einfach wichtige Wörter in der Aufgabe nicht weiß. Im Gegenzug ist es sehr schwierig, den nötigen Wortschatz nachzulernen, wenn der Anschluss einmal verpasst ist (dazu in einem anderen Post mehr). Nichtsdestotrotz sollte man regelmäßige Wortschatz-Aufgaben in den Unterricht einbauen – das kann auch gut spielerisch geschehen.
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